Schwieriger zu erkennen gibt sich der Account von Anabel Schunke (@ainyschu). Ihr Fokus liegt bei Instagram auf ihrem Aussehen — zwischen den obligatorischen Hochglanzfotos und halbnackten Posings zeigen sich hin und wieder allerdings auch politische Inhalte sowie solche, in denen sie mit emotionsbeladenen Fotos an die Anschläge vom 11. September 2001 oder den Anschlag auf den Breitscheidplatz in Berlin erinnern will. In diesen Posts wird gerade durch die geschickte Auswahl von Hashtags, die die Beschreibung des Bildes unterstützen sollen, subtil die Hauptaussage verändert. Der Beschreibung „Tief bewegt.“, wie sie bei einem Bild zum Andenken an die Opfer des Anschlags auf den Berliner Breitscheidplatz zu lesen ist, auf dem Kerzen zu sehen sind, wird durch das Hinzufügen des Hashtags „wefightback“ ein zunächst unsichtbarer Gegner entgegengestellt, der sich erst im Kontext ihrer politischen Aussagen äußert.
Wesentlich deutlicher zeigt Anabel Schunke ihre politische Haltung in zahlreichen Beiträgen und Artikeln auf Blogs und Portalen, wie der rechtspopulistischen Seite journalistenwatch.com. Auch auf dem offiziellen Blog der Identitären Bewegung in Deutschland wird sie zitiert.[1] In ihrer Rolle als ‚freie Journalistin’ zählt sie damit laut Huffington Post zu den „wichtigsten Influencern der neurechten Szene in Deutschland“.[2]

Massive Kritik gegenüber dem Islam und der Migrationspolitik der Bundesrepublik Deutschland gehören zu ihren meistbehandelten Themen. In großer Regelmäßigkeit berichtet sie ihren knapp 70.000 Facebook-Fans von Gewaltdelikten, die mutmaßlich von Flüchtlingen begangen wurden. Fremdenfeindlichen Äußerungen führten dabei bereits zu einer zeitlich befristeten Sperrung ihres Accounts. Ihre Reaktion darauf lautete wie folgt:

„Und wenn mich eines während meiner Sperren immer wieder schockiert hat, dann die Tatsache, wie viele Leute mit anderen politischen Ansichten eine solche Praxis begrüßen. Habt ihr nichts aus der Geschichte gelernt?“[3]

Mit dieser rhetorischen Frage kehrt sie die Argumentation um: Während sie des rechtspopulistischen Fremdenhasses bezichtigt wird, wirft sie gleichzeitig ihren Gegnern mit dem Vorwurf der ungerechtfertigten Unterdrückung der Meinungsfreiheit ebenfalls undemokratisches Handeln vor. Ähnlich wie bei Melanie Schmitz versucht sie auf diese Weise Fremdenhass als legitimen Bestandteil des Diskurses zu etablieren.
Vom Islam zeichnet sie ein durchweg verachtenswertes Bild. Auch wenn sie immer wieder betont, viele gute muslimische Freunde zu haben, erklärt sie deren Religion als ‚rückwärtsgewandt’ und behauptet, dass die arabische und afrikanische Kultur unvereinbar mit westlichen Werten sei. Stöbert man durch ihre Beiträge, entsteht der Eindruck, als sei der Grund für die Unmöglichkeit des Zusammenlebens vor allem ein steter Hang zur Gewalttätigkeit, mit dem uns die fremde Kultur bedroht:

„Wir Deutschen sind geduldig. Wir lassen uns aufgrund des eingeredeten Schuldkomplexes mehr gefallen als andere. Aber auch das wird aufhören, wenn die Messerattacken, die sexuellen Übergriffe, die terroristischen Anschläge, der alltägliche Wahnsinn in den Schulen, die Konflikte auf der Straße und die politischen Diskussionen und Forderungen zunehmen.“[4]

Besonders bemerkenswert erscheint hier die Formulierung des ‚eingeredeten Schuldkomplexes‘, die eine Verleumdung und Verharmlosung der deutschen Vergangenheit darstellt und als einziger Grund für das offene Verhalten gegenüber schutzbedürftigen Migranten genannt wird. Die Verarbeitung des Holocaust in einem Nebensatz als einen ‚eingeredeten Schuldkomplex‘ zu beschreiben, zeigt, dass die rechtsgewandte Veränderung des Diskurses eine wichtige Strategie der Neuen Rechten ist. Es ist nicht nur ‚okay‘, seine Heimat zu lieben — es ist scheinbar mittlerweile auch ‚okay‘, die Nazi-Vergangenheit unauffällig und kaum spürbar umzudeuten. All die Menschlichkeit, die man versuchte, Flüchtlingen entgegenzubringen, sei somit laut Anabel Schunke ohnehin ‚falsch‘ und nur die Folge jenen Schuldkomplexes.

Während so in vielen ihrer Beiträgen das Ziel in der Erregung von Aufmerksamkeit und in der Stimmungsmache zu liegen scheint, findet sich auf ihrem Instagram-Kanal von all dem: Nahezu nichts. Ganz im Gegenteil zeigt sie sich dort regelmäßig bewusst mit Menschen, die offensichtlich einen Migrationshintergrund haben. Die wenigen, anfangs erwähnten Bilder, mit denen sie Anschlagsopfern gedenkt, gehen in einem bunten Meer von Konzertvideos, aufreizender Selfies und Urlaubsbildern unter. Dennoch lässt sich ihre Strategie durchaus mit Melanie Schmitz vergleichen: Ihren Followern öffnen beide die Tür zu ihrem Privatleben und erzeugen somit große Nähe und Sympathie. Zumindest auf Instagram drängt Anabel Schunke ihre rechten Überzeugen niemandem auf, sondern überlässt jedem selbst, ob man sich auf anderen Kanälen über ihre politische Einstellung informiert. Insgesamt scheint sich Anabel Schunke in ihrem Auftreten und ihren Äußerungen etwas harmloser und mehrheitsfähiger zu geben, als Melanie Schmitz, was sicherlich auch mit ihrer Selbstinszenierung bei Instagram zusammenhängt. Im Vergleich zu Schmitz will sie weniger anecken, obgleich ihre politischen Überzeugungen ebenfalls eher rechts und fremdenfeindlich, anstatt liberal-konservativ sind.

So zeigt sich, dass die neuen Rechten selten sofort eindeutig identifizierbar sind. Ihre vielfältigen Inszenierungsformen beschränken sich längst nicht auf die hipsteresquen Identitären.

 

[1] vgl. IBD Redaktion (2017). Legal, illegal, scheißegal. unter: <https://blog.identitaere-bewegung.de/legal-illegal-scheiszegal/> [Stand 15.03.2019]

[2] vgl. Graen, Amelie (2018). Anabel Schunke ist eine der wichtigsten Figuren der neurechten Szene: Wir waren mit ihr feiern. unter: <https://www.focus.de/panorama/welt/panorama-anabel-schunke-ist-eine-der-wichtigsten-figuren-der-neurechten-szene-wir-waren-mit-ihr-feiern_id_10281656.html>

[3] vgl. Schunke, Anabel 2017. Anabel Schunke: Ich werde bis zum Letzten kämpfen. unter: <https://www.journalistenwatch.com/2017/12/02/anabel-schunke-ich-werde-bis-zum-letzten-kaempfen/>

[4] vgl. ebd.