HipHop und rechtes Gedankengut? Wer sich über diese Kombination solch eigentlich disparater Strömungen wundert, steht nicht alleine da. Auch in rechten Gruppierungen irritiert das Zusammenbringen, was eigentlich kaum zusammengebracht werden kann, und gibt Anlass für einige Kontroversen[1]. Während der NPD-Abgeordnete Tino Müller im Schweriner Landtag HipHop noch als „krankhaften Auswuchs“[2] betitelt und innerhalb seiner Partei als „Niggergestammel“ bekannt ist[3], wird in der rechten Szene offen darüber diskutiert, ob eine ursprünglich afro- und lateinamerikanische, im antirassistischen Widerstand wurzelnde Musikrichtung für die eigene Kultur angeeignet werden sollte[4]. Dabei läuft diese Entwicklung schon viel länger als man eigentlich vermuten würde: Bereits 2002 beschäftigen sich Murat Güngör und Hannes Loh in ihrem Werk ‚Fear of a Kanak Planet‘ mit dem Spannungsfeld HipHop zwischen Weltkultur und Nazirap und positionieren sich klar gegen nationalistische Tendenzen im Rap[5]. In Deutschland hat wohl wie kein anderer der Rapper Fler, der unter anderem zusammen mit Sido und B-Tight im Label Aggro Berlin künstlerisch produktiv war, seit Anfang der 2000er die nationalistische Strömung im Deutschrap popularisiert. Damit war etwas geschaffen, das in den 1990er Jahren noch unvorstellbar war: Deutsch-patriotischer Rap[6]. Flers Image und Marketingkonzept mit Frakturschrift, dem Adler im Logo und Deutschlandflaggen in Musikvideos wird angereichert von offen verkündigtem Patriotismus in Liedern wie ‚Deutscha Bad Boy‘ (2008), ‚Ich bin Deutscha‘ (2008), ‚Das alles ist Deutschland‘ (2010) oder ‚Stabiler Deutscher‘ (2014), in denen er das Bild eines klischiert deutschen Mannes skizziert, welcher nicht nur hart, stolz, blauäugig, weiß, ehrenhaft und kämpferisch ist, sondern sich auch ausschließlich mit deutschen Autos und deutschen Frauen zeigt[7]. Abgewandelten Hitler-Zitaten wie „Ab dem 1. Mai wird zurückgeschossen“ zum Trotz beharrt er aber darauf, lediglich stolzer Patriot zu sein und sich keiner nationalistischen Gesinnung zuzuordnen[8]. Trotzdem oder vor allem deswegen ist er ein ideales Beispiel dafür, wie rechtsradikales Gedankengut über Populärmusik und einer vermeintlich beim Patriotismus stehenbleibenden Ideologie für die Mitte der Gesellschaft annehmbar gemacht und vorbereitet wird[9].

Seit dem Aufstieg der Autonomen Nationalisten ab 2003 erkennt auch die rechte Szene das Potenzial neuer Ästhetiken, kopiert sogar linksalternative Mode und öffnet sich auch für neue Musikgenres: „Ob du Hip-Hopper, Rapper oder sonst irgendwas [bist], ob du Glatze oder lange Haare hast: Völlig egal! – Hauptsache du bist gegen das herrschende System!“[10]. Und obwohl HipHop auf den ersten Blick ungeeignet für eine Aneignung scheint, ergibt es auf den zweiten plötzlich Sinn: Die geläufigen Bilder des harten, männlichen Rappers als kämpferischer Außenseiter der Gesellschaft, der endlich die Missstände auszusprechen wagt, von denen sich sonst niemand traut zu sprechen, bieten genügend Anknüpfungspunkte für rechte Ideologie und Selbstwahrnehmung. Diese muss dann schlicht nur noch die Erfahrungsberichte migrantischer Subjekte aus der Unterschicht mit vermeintlich unter Deutschenfeindlichkeit leidenden Biographien ersetzen, in welcher die Akteure endlich ihre nationalen Identitäten ausspielen möchten, so, wie sie es auch an den migrantischen Künstlern beobachten können[11]. So lässt sich der alte Mief des Rechtsrocks und die damit zumeist verbundene Plakativität abstreifen und ersetzen mit einer zeitgenössischen Ästhetik und mehr oder weniger verschlüsselten Inhalten. In der öffentlichen Darstellung treten in dem Zuge rechtsextreme Positionen in den Hintergrund, um in einer diffusen, verharmlosenden Grauzone und mit einem neuen Sound, der im Gegensatz zu Rock und Metal keine sofortigen Assoziationen zur rechten Szene befürchten lässt, rechtes Gedankengut in die Populärkultur und Jugendkulturen abseits rechter Gesinnungen zu katapultieren[12]. „Mit dieser Musik können wir unseren Wirkungskreis erweitern und somit nationale Inhalte in allen Jugendkulturen etablieren“, fasst es die NPD-nahe Kameradschaft Nationale Sozialisten Rostock zusammen[13]. Während die NPD zu Anfang noch mit ihren Schulhof-CDs versucht, den neuen Sound kostenlos in hiesigen Schulen zu verteilen, gewinnt bald das Internet als Verbreitungsweg die Überhand[14]. Dieser aufkommende Nationale Sprechgesang[15] dient als Bindeglied zur Neuen Rechten[16] und hat – wie bereits im gerade genannten Zitat erkennbar ist – mehr instrumentellen oder pragmatischen Charakter zur Generierung von neuen Zielgruppen, als dass wirklich ein Interesse zum Genre Rap zu erkennen wäre. So ist auch nicht verwunderlich, dass viele dieser Rappe vorher bereits in Rechtsrockbands aktiv waren oder immer noch sind und lediglich das Genre gewechselt haben, um ihre Inhalte in andere Hörerkreise zu transferieren[17].

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Anmerkungen:

[1] „Eine Umfrage im politikforen.net zu diesem Thema ergab, dass 70,59 % der (wenig abgegebenen) Stimmen Rap für nicht akzeptabel halten.“; Spenner, Fred (2015): Nationaler Rap – Rap für die Volksgemeinschaft. Online unter: https://www.underdog-fanzine.de/2015/01/01/nationaler-rap-rap-f%C3%BCr-die-volksgemeinschaft/ [Stand: 14.03.2019]. Andere sehen das dabei nicht so eng: „Weder die Musikbegleitung noch der Kehrreim (Refrain) wirken hier irgendwie afrikanisch“; Ströhlein, Markus (2010): Rappen fürs Vaterland. Online unter: https://jungle.world/artikel/2010/10/40523.html [Stand: 14.03.2019].

[2] Radke, Johannes (2014): Neue Töne von Rechtsaußen. Online unter: http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/185067/neue-toene-von-rechtsaussen [Stand: 14.03.2019].

[3] Rheinbay, Stefan (2013): Rechte Szene: Rumpelrock und Wummerbass. Online unter: https://www.dw.com/de/rechte-szene-rumpelrock-und-wummerbass/a-16756812 [Stand: 14.03.2019].

[4] Springstoff, Anna (2015): Deutscher NS-Rap am Beispiel Makss Damage. S. 23. Online unter: http://www.ticktickboomcrew.de/wp-content/uploads/2015/01/ttb_brosch_full_web.pdf [Stand: 14.03.2019].

[5] Zur selben Zeit gründen sich 2000 die HipHop-Gruppierungen Brothers Keepers und Sisters Keepers, um sich gegen Rassismus und Nazismus stark zu machen. Vgl. aber auch Lieder wie Fresh Familee (1989): Ahmet Gündüz, Advanced Chemistry (1992): Fremd im eigenen Land oder Microphone Mafia (2002): Denkmal.

[6] Ticktickboom (2015): Deutscher Nationalismus im Rap – ein Zwischenstand. S. 5. Online unter: http://www.ticktickboomcrew.de/wp-content/uploads/2015/01/ttb_brosch_full_web.pdf [Stand: 14.03.2019].

[7] Kaos Kanji, Rabenkind (2015): Deutsch-Patriotismus im Rap am Beispiel Fler. S. 12. Online unter: http://www.ticktickboomcrew.de/wp-content/uploads/2015/01/ttb_brosch_full_web.pdf [Stand: 14.03.2019].

[8] Kaos Kanji, Rabenkind (2015): Deutsch-Patriotismus im Rap am Beispiel Fler. S. 12-13. Online unter: http://www.ticktickboomcrew.de/wp-content/uploads/2015/01/ttb_brosch_full_web.pdf [Stand: 14.03.2019].

[9] Kaos Kanji, Rabenkind (2015): Deutsch-Patriotismus im Rap am Beispiel Fler. S. 15. Online unter: http://www.ticktickboomcrew.de/wp-content/uploads/2015/01/ttb_brosch_full_web.pdf [Stand: 14.03.2019].

[10] Radke, Johannes (2014): Neue Töne von Rechtsaußen. Online unter: http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/185067/neue-toene-von-rechtsaussen [Stand: 14.03.2019].

[11] Roth, Matthias (2017): NS-Rap. Online unter: https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/66/ns-rap [Stand: 14.03.2019]; Refpolk (2015): Männlichkeit, Kommerzialisierung und Nationalismus im deutschsprachigen Rap. S. 30. Online unter: http://www.ticktickboomcrew.de/wp-content/uploads/2015/01/ttb_brosch_full_web.pdf [Stand: 14.03.2019].

[12] Spenner, Fred (2015): Nationaler Rap – Rap für die Volksgemeinschaft. Online unter: https://www.underdog-fanzine.de/2015/01/01/nationaler-rap-rap-f%C3%BCr-die-volksgemeinschaft/ [Stand: 14.03.2019].

[13] Mayer, Benjamin (2012): „Das ist die neue Volksmusik…“ – von Nazi-Rap bis zur Schulhof-CD. Online unter: https://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2012/11/29/%E2%80%9Edas-ist-die-neue-volksmusik-von-nazi-rap-bis-zur-schulhof-cd_10680 [Stand: 14.03.2019].

[14] Welt (2011): Neonazis entdecken Rap-Musik für ihre Propaganda. Online unter: https://www.welt.de/politik/deutschland/article13499691/Neonazis-entdecken-Rap-Musik-fuer-ihre-Propaganda.html [Stand: 14.03.2019].

[15] Rheinbay, Stefan (2013): Rechte Szene: Rumpelrock und Wummerbass. Online unter: https://www.dw.com/de/rechte-szene-rumpelrock-und-wummerbass/a-16756812 [Stand: 14.03.2019].

[16] Roth, Matthias (2017): NS-Rap. Online unter: https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/66/ns-rap [Stand: 14.03.2019].

[17] Roth, Matthias (2017): NS-Rap. Online unter: https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/66/ns-rap [Stand: 14.03.2019].