Bei Instagram können Hashtags zu Nachrichtenkanälen werden, die zu aktuellen Vorfällen und Ereignissen verbreitet werden. Das Phänomen des #Hashtags als neue Organisationform der Alltagskommunikation[1] ist ein probates Mittel, um Agenda Setting[2] zu betreiben. Hier liegt eindeutig der Nutzen der Hashtags für die Neuen Rechten. Denn das Wesentliche ist, dass ein Hashtag, ganzgleich auf welcher Online Plattform, von jeder/ und jedem kreiert, mitbenutzt und ausgenutzt werden kann. Im Sinne eines allumfassenden Agenda Settings, das auf die öffentlichen Diskurse abzielt um eine Gegenöffentlichkeit zu erzeugen, werden auf Instagram von den Anhängern der Neuen Rechten heterogene Beiträge verbreitet, die auf unterschiedlichen Ebenen einen Strukturwandel nach „rechts“ herbeisehen. Hierbei wird zunächst versucht, mit bestimmten Begriffen schon etablierten Hashtags eine eigene Interpretation und Wertigkeit zu verleihen. Diese Strategie fügt sich an das Konzept der „rechten Metapolitik“.

Seit 1980 versucht die Neue Rechte, im Sinne einer „rechten Metapolitik“ einen eigenständigen Diskussions- und Aktionszusammenhang in der Öffentlichkeit zu platzieren, um eine „Kulturrevolution von rechts“ zu initiieren. Damit ist eine „Rechts- Verschiebung“ im öffentlichen Meinungsklima sowie eine Meinungsführerschaft öffentlicher Diskurse gemeint, die über Agenda Setting funktioniert.

Da dies auf Instagram immer in Verbindung von Bildern geschieht, die zusammen mit Hashtags und Kommentaren ein User-Interface entstehen lassen, der interpretativ vielschichtig deutbar und undeutbar ist, spielt das gesamte User-Interface eine Wichtige Rolle, in der Verbreitung von Diskursfragmenten im Sinne der „rechten Metapolitik“.

Reche Metapolitik auf Instagram

Wie „rechte Metapolitik“ auf Instagram funktioniert, soll mit einem Beispiel verdeutlicht werden. Der folgende Beitrag wurde auf dem Instagram Account „rechte_metapolitik“ am 01.12.2018 veröffentlicht.

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Abbildung 1. Die Welt ist flüchtig geworden. Urheber: rechte_metapolitik, 2018. Quelle: https://www.instagram.com/p/Bq1xA7XgNei/  Screenshot [Stand 04.03.2019].

Die Instagram Beiträge sind in vier Sektionen unterteilt. Die linke und die größte ist dem Bild vorbehalten. Zu sehen ist eine schwarz-weiß Fotografie einer Statue vor einem verschwommenen Hintergrund. Auf der rechten Seite, immer in der gleichen Reihenfolge, sind der Username, der dazugehörige Text und die Hashtags aufgelistet, gefolgt vom Datum des Beitrages und den Kommentaren. Dem Text ist zu entnehmen, dass das Bild eine von Albert Wolf 1871 geschaffenen Bronze Skulptur „Allegorie der Wissenschaft“, die vor der Nikolaikirche in Berlin zu sehen ist, abbildet. Der Beitrag ist mit „Die Welt ist flüchtig geworden“ betitelt und mit dem folgenden Text versehen:

„Jeden Tag sieht man Menschen mit gesenkten Häuptern, wie Ameisen durch die Straßen ziehen und dennoch gibt es Dinge, Gesetze, Wesen und auch noch Menschen, die unumstößlich geblieben sind“

Der Beitrag ist mit folgenden Hashtags getagt: #Berlin, #Kunst, #Kultur, #Wissenschaft, #Nikolai, #DefendEurope, #Tradition, #Deutschland.

Zunächst ist festzustellen, dass Text-Bild-Äußerungen in politischen Medienkontexten etwas „behaupten, feststellen, darstellen, klassifizieren, verabscheuen, zu etwas auffordern oder verpflichten, etwas in Frage stellen oder eine Antwort implizieren etc“[3][kursiv im Original] können. Die Vielzahl dieser Zuschreibungen macht eine differenzierte Deutung äußerst schwierig. Dennoch können mit einem Rückgriff auf die von John Searle geprägten Oberklassen von Sprechakten, die im Beitrag implizierten Zuschreibungen zu fünf Charakteristika  zusammengefasst werden: 1. Repräsentativa/Assertiva, 2. Deklarativa, 3. Expressiva, 4. Direktiva, 5. Kommissiva.[4]

Mit Repräsentativa/Assertiva wird herausgestellt, dass mit Bildern ein Sachverhalt konstituiert wird. Die Benutzung einer Fotografie impliziert zudem, dass ein Bildinhalt wahr ist. Auf den ersten Blick ist dies auch dem Instagram Beitrag nicht abzustreiten. Die Provenienzangaben unterstreichen den wahren Gehalt des Objekts, nicht aber der Fotografie. Die Angaben zum Urheber des Bildes selbst fehlen. Ein farbiges Foto, dass die Statue von derselben Stelle aus und vor selben Hintergrund aus zeigt, ist in Wikipedia zu finden.

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Abbildung 2. Bronzeskulptur „Allegorie der Wissenschaft“ vor der Nikolaikirche an der Poststraße im Nikolaiviertel in Berlin-Mitte. Urheber Jörg Zägel, 2010. Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e8/Berlin%2C _Mitte%2C_Nikolaiviertel%2C_Poststrasse%2C_Allegorie_der_Wissenschaft_von_Wolff.jpg. [Stand 07.03.2019] Creative-Commons-Lizenz

Die Unterschiede zum Original sind zwar nicht markant, aber dennoch für den Beitrag prägend. So ist das Instagram Bild abgeschnitten, was den technischen Vorgaben von Instagram geschuldet sein kann, schwarz-weiß und im Hintergrund verwischt, was Bewegung suggeriert. Das lässt auf eine Bearbeitung des Beitragenden schließen. Diese Suggestion der Bewegung wird durch die Überschrift „die Welt ist flüchtig geworden“ aufgefangen und zum inhaltlichen Kern des Beitrages erhoben.

Damit ist hier das zweite Charakteristikum Deklarativa gegeben, in dem ein Sachverhalt kategorial eingeordnet wird. Dem Bildrezipienten werden Verknüpfungen geliefert, welche er innerhalb seines Wissensraumes mit ähnlichen Sachverhalten und Kontexten verbinden und den Bildinhalt kategorisieren kann. [5] Dabei spielt das Adjektiv „flüchtig“ in seiner doppeldeutigen Bedeutung eine entscheidende Rolle. Flüchtig ist laut Duden erstens jemand, der auf der Flucht ist; erst in seiner zweiten Bedeutung bezeichnet das Adjektiv etwas, was von kurzer Dauer, im Vorübergehen ist[6]. Die Aussage „die Welt ist flüchtig geworden“ expliziert den vorbeirauschenden Hintergrund und impliziert die aktuellen Migrationsbewegungen, die sogenannte „Flüchtlingskrise“. So wird der Wissensraum des Rezipienten auf einen Sachverhalt erweitert, der im Bildinhalt nicht gegeben ist, vom Beitragenden aber in die Rezeption mit hineingetragen wird.

Das dritte Charakteristikum Expressiva meint die Bewertung eines Sachverhaltes durch das Bild[7]. Die Bearbeitung des Bildes zu einem schwarz-weißen Foto verleiht dem Bildinhalt eine düstere bis deprimierende Stimmung, was zudem wiederum durch den Beitragenden im Text unterstrichen wird: „Jeden Tag sieht man Menschen mit gesenkten Häuptern, wie Ameisen durch die Straßen ziehen…“. Durch das Bild-Text-Verhältnis findet hier eine gesellschaftliche Zustandsbeschreibung statt, die mit dem Vorsetzen des Zitats „und dennoch gibt es Dinge, Gesetze, Wesen und auch noch Menschen, die unumstößlich geblieben sind“ das vierte Charakteristikum Direktiva[8] miteinschließt.

So soll der Rezipient des Beitrages mit der Verknüpfung zu der Flüchtlingskrise aus dem Bild-Text-Verhältnis darauf hingewiesen werden, dass sich nicht alles im Wandel befindet und es Menschen gibt, die unumstößlich geblieben sind. Damit soll einerseits auf die Account Betreiber verweisen werden, andererseits auf die unten aufgeführten Hashtags, die gleichzeitig auch als fünftes Charakteristikum die Kommissiva[9] fungieren. Damit ist eine Verpflichtung an den Rezipienten gemeint, zu Handeln. Hashtags sind nicht nur Begriffe, unter denen Bildbeiträge zusammengefasst werden, sondern gleichzeitig auch Links, die den Rezipienten zu einzelnen, genauso getagten Beiträgen navigieren. So ist die Aufgabe der Links als eine unmittelbare Handlungsanweisung zu verstehen, die angeklickt werden soll.

Gleichzeitig haben die Hashtags in diesem Zusammenhang zwei Funktionen. Erstens sollen sie so breit gestreut sein, um unterschiedliche Nutzer von Instagram auf den eigenen Beitrag aufmerksam zu machen, wie beispielsweise #Kunst, #Kultur oder #Deutschland. Damit wird im Sinne der „rechten Metapolitik“ eine Berührungsfläche zu Debatten in der Mehrheitsgesellschaft geschaffen, mit der Möglichkeit, Menschen zunächst einmal auf der Ebene der Suggestion zu erreichen. Die zweite Funktion beinhalten Hashtags, die klar „rechte“ Position beziehen, und somit auch als Antwort auf suggestiv geleitete gesellschaftliche Zuschreibungen interagieren, wie der Hashtag „#defendeurope“.

So findet mit Hilfe vermeintlich harmloser Bildbeiträge auf Instagram im Sinne der „rechten Metapolitik“ eine Umdeutung von Begriffen, Etablierung neuer Diskurse statt und vor allem Schaffung von Anschlüssen zu Debatten in der Mehrheitsgesellschaft, die über kultur- und medienpolitische Vorstöße zu politischer Einflussnahme führen sollen.[10]

[1] Vgl. Ebd.

[2] Vgl. Duden (2019): flüch­tig. Online unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/fluechtig. [Stand 07.03. 2019]

[3] Vgl. Felder, Ekkehard (2007): Text-Bild-Hermeneutik. Die Zeitgebundenheit des Bild-Verstehens am Beispiel der Medienberichterstattung. In: Fritz Hermanns (Hrsg.). Linguistische Hermeneutik: Theorie und Praxis des Verstehens und Interpretierens. Tübingen, Niemeyer, S.365.

[4] Vgl. Ebd., S.366.

[5] Vgl. Ebd., S.365.

[6] Vgl. Schmidt, Friedemann (2001): Die Neue Rechte und die Berliner Republik. Parallel laufende Wege im Normalisierungsdiskurs. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, S.37.

[7] Felder, Ekkehard (2007): Text-Bild-Hermeneutik. Die Zeitgebundenheit des Bild-Verstehens am Beispiel der Medienberichterstattung. In: Fritz Hermanns (Hrsg.). Linguistische Hermeneutik: Theorie und Praxis des Verstehens und Interpretierens. Tübingen, Niemeyer, S.366.

[8] Vgl. Ebd., S.365.

[9] Vgl. Ebd., S. 9.

[10] Agenda Setting oder Agendasetzung bezeichnet das etablieren bestimmter Themenschwerpunkt im öffentlichen Diskurs